Stiegker Mundart

Blaubeern senn riff wenn se blau senn. Wenn se ruet senn, senn se noch grien.

Es ist seit Jahren eine bekannte Tatsache, dass die Stiegker
Mundart immer seltener in der Öffentlichkeit zu hören ist. …

Lediglich an den Sommergewinns-Vorabenden (Kommerschen) und
in der Festschrift wird noch „Stiegksch“ gesprochen und geschrieben.
Aber schon seit Jahren hat sich auch hier die Mundart stark an das
Hochdeutsche angelehnt um den Zuhörern und Lesern das Vorgetragene
verständlich zu machen. …

Zu erklären wäre es vielleicht damit, dass sich das Verhältnis des „Stiegks“
zu Eisenach im Laufe von Jahrzehnten grundlegend geändert hat.

Als im Jahre 1850 das vorher selbständige Dorf Ehrensteig offiziell in
die Stadt eingegliedert wurde, ist nicht nur der „Stiegk“ ein Teil Eisenachs
geworden, sondern seine Bewohner sind mit den Jahren zu „Isenächern“
und zuletzt gar zu Eisenachern geworden.

Das kam daher, dass die vorher in recht bescheidenen Verhältnissen lebenden
Menschen nun auch ihren berechtigten Anteil an dem wachsenden Wohlleben in
der Stadt haben wollten. Sie waren somit – wohl oder übel – gezwungen, sich der
allgemeinen Umgangssprache anzupassen. Die Stiegker Mundart wurde nur noch
von den älteren Leuten beibehalten, denen ein materieller Vorteil weniger am
Herzen lag. In der heutigen Zeit nun, in der es auch den Stiegker Kindern ermöglicht
wird, Oberschulen und Universitäten zu besuchen, achten die Eltern darauf, dass
ihren Sproßlingen kein „falsches“ Wort herausrutscht. Und wenn in einem Hausaufsatz
einmal „mir“ und „mich“ verwechselt wird, dann ist das jedesmal mit einer Strafpredigt verbunden.

(Quelle auszugsweise: Stiegker Mundart – Auf dem
Aussterbeetat, Helmut Stietzel, Sommergewinnsfetschrift 1963)

Die Stiegker Mundart wir heute kaum noch gesprochen, schon gar nicht in ihrer
einstigen Form. Das heute als Stiegker Mundart Gesprochene und Geschriebene
ist bestenfalls eine Nachahmung, da die Sprache nie gelehrt und damit nicht
kontinuierlich weitergegeben wurde. Dennoch hat sich die Stiegker Mundart in
gewisser Form bis heute erhalten. Das besondere daran ist die Tatsache, dass in
der Georgenvorstadt, besonders am Ehrensteig (Stiegk), diese urwüchsige Mundart
manchmal noch zu hören ist. Besonders in der Zeit des Sommergewinns, erwacht
des Stiegkers Herz für diese besondere, manchmal einfache und teilweise auch
derbe Sprache. Doch das ist es, was die Stiegker Mundart ausmacht, ihre
Bodenständigkeit, ihre Einfachheit und der urwüchsige Humor, bei dem
Aussenstehende auch manchmal vor Verwunderung „die Ohren anlegen“.


Die Stiegker

Die Stiegker senn en Völkchen fer sech,
bennse au verwechseln mir on mech.
Se schetten abbr kenn Wasser en nen kaputten Topf,
on dn Noel treffen se stets uffn Kopf.
Bar dr Aerbt kenn se kenn Dorscht on kenn Honger.
‘ S Blaue holn se, benns sei moss, vom Hemmel eronger.
Nur ens kann dr Stiegker vorn Tued nech gelieht,
wenn enner kenn Spoaß verstieht on ne Guschen glich zieht.

„Wer kenn Senn hett vor Humor, kemmt hitt nech nues vors Jörntor!“