Streitgespräch

das Wortduell zwischen Sunna und Winter

Das Streigespräch zwischen Frau Sunna und dem Winter

stammt aus der Feder des Eisenachers Helmut Stietzel (1923-2000), der dem
Sommergewinn eng verbunden war. Von ihm stammen außerdem zahreiche Gedichte und Geschichten nicht nur in Stiegker Mundart.

Das heute vorgetragene Streitgespräch ist die ältere der zwei Fassungen, die
Helmut Stietzel verfasste.  Sie wurde in den 1960er Jahren geschrieben und
erst seit 1994 als abschließender Höhepunkt des jährlichen Festumzuges auf dem
Eisenacher Marktplatz wieder aufgeführt.

Zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde die zweite
Fassung, jüngeren Datums bevorzugt.

 

Das Streigespräch zwischen Frau Sunna und dem Winter

Sunna:
Wohlan, zum Kampfe bin ich bereit, den Sieg will ich heute erringen!
Wohlan, Herr Winter, es ist soweit, zu Ende ist deine Regentenzeit!
Ich werde im Kampf dich bezwingen!

Winter:
Sei nur nicht allzu siegesbewußt! Meine Macht ist noch lange nicht zu Ende!
Noch tobt der Nordwind in meiner Brust und voll ungebrochener Kampfeslust
zwingt dich die Kraft meiner Hände! Die Berge sind noch bedeckt mit Schnee,
und der Frost beherrscht noch die Höhen, im Eis sind erstarrt noch der Bach und der See
und im Walde erfrieren noch Hase und Reh wenn meine Eiswinde wehen!

Sunna:
Mich kannst du nicht schrecken, kalter Gesell! Ich werde dich doch besiegen!
Ich schmelze dein Eis und erwecke den Quell, und die Lerche soll bald wieder silberhell
in den blauen Himmel fliegen! Wach auf, Mutter Erde! Wach auf! Wach auf!
Und sprenge des Fürsten Ketten! Bruder Lenz, beginn deinen Siegeslauf!
Und ihr Menschen, ihr Menschen strömt alle zuhauf und verlasst eure heimischen Stätten!
Entflammt auf den Höhen den Feuerbrand und jagt ihn mit Macht von den Auen!
Ist er vertreiben erst aus dem Land, sollt ihr des Frühlings klarblaues Band
in der lenzwarmen Luft wieder schauen.

Winter:
Was führst du im Schilde? Was hast du vor? Willst du die Menschen auf mich hetzen?
Ich öffne den Stürmen Tür und Tor: Ihr Winde braust zu, euer grausiger Chor
soll alle in Schrecken versetzen! Doch was ist das? Zu Hilfe! Mir wird so warm!
Verlöscht eure Feuerbrände! Erbarmt euch, ihr Menschen, erbarmt, erbarmt!
Ganz kraftlos werden mir Hände und Arm, und ich fühle, es … ist … das … Ende!

Sunna:
Fort muß er nun, der die Freude nicht kennt, der Feind ist dem Leben und Lieben!
Sein Tod ist besiegelt in diesem Moment; Seht nur, ihr Menschen, der Winter – er brennt!
Und wir sind die Sieger geblieben!